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Vor 100 Jahren, am 19. 10. 1900, wurde das Gebäude des Amtsgerichts Obernburg seiner Bestimmung übergeben. Grund für einen Rückblick auf
die mehr als 200-jährige Geschichte des Amtsgerichts in Obernburg.
Im ausgehenden Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit wurden Streitigkeiten der Bürger in aller Regel durch Orts- und Stadtgerichte
entschieden, bestehend z.B. aus Bürgermeister, Stadträten und Bürgern. Deren Befugnisse endeten an der Ortsgrenze. Sie tagten nur bei Bedarf, ein- bis zweimal im Jahr. Für die Hochgerichtsbarkeit wie Mord,
Brandstiftung, Notzucht waren überörtliche Institutionen zuständig, das Vizedomamt in Aschaffenburg oder das Hofgericht in Mainz am Sitz des Kurfürsten.
Die mittlere Gerichtsbarkeit unterstand dem Centamt in Ostheim. Obernburg gehörte bis ins 18. Jahrhundert zur Cent Bachgau mit dem Sitz in
(Groß-)Ostheim. Die Obernburger versuchten lange Zeit vergeblich "Cent"-Sitz zu werden.
1772 gab es im Kurfürstentum Mainz eine Ämterreform. Die Vizedomämter wurden zu sogenannten "Kellereien". Obernburg gehörte nebst
Eisenbach zur Kellerei Bachgau. Im Zuge dieser Reform wurde eine neue Beamtengruppe für die Verwaltung und die Gerichtsbarkeit geschaffen: die Amtsvögte. Für die Behandlung kleiner zivilrechtlicher Streitigkeiten
gab es noch die Ortsgerichte. Im November 1772 begann Obernburg dann Ostheim zu überflügeln, als es Sitz eines Amtsvogts wurde. Dieser übte die Rechtsprechung in Zivilsachen und strafrechtlichen Angelegenheiten bis
zu einem bestimmten Strafmaß aus, hatte Notaraufgaben und war oberster Verwaltungsbeamter in der Vogtei. Er mußte seinen Wohnsitz in Obernburg nehmen. Der erste Amtssitz war vermutlich im heutigen Rathaus.
In der kurzen Periode des Großherzogtums Frankfurt unter Dalberg (ab 1810) wurden französisches Recht (Code Napoleon und Code Penal) und
französischer Gerichtsaufbau auch im hiesigen Gerichtsbezirk eingeführt.
Mit dem Fürstentum Aschaffenburg kam auch Obernburg 1814 zum Königreich Bayern. Es fand nun die bayerische Organisationsform Anwendung und
Obernburg wurde Sitz eines bayerischen Landgerichts.
Wegen der Zusammenlegung der Landgerichte Kleinwallstadt und Obernburg und der erforderlichen Unterbringung der landgerichtlichen
Hypothekenbücher kam es zu Platznot. 1829 wurde das Landgerichtsgebäude, das heutige Rathaus, umgebaut. Die Baulast für Landgericht, Gefängnis und Wohnung des Amtsvogts lag bei der Stadt. Bereits 1840 war erneut ein
Umbau wegen des zu klein gewordenen Hypothekenzimmers erforderlich. Damals wurde ein Anbau zwischen den beiden Rathausgebäuden geschaffen.
1851 begann eine Diskussion um einen Neubau des Gerichtsgebäudes. Innerhalb der Stadt gab es keinen geeigneten Bauplatz. Vor allem die Wirte
wehrten sich gegen einen Neubau außerhalb der Stadtmauern. Die Stadt stellte einen Bauplatz
"bei der Linde" kostenlos zur Verfügung, bot darüberhinaus dem Staat auch Geld für den Neubau, um den drohenden Verlust des Gerichtssitzes zu verhindern. Denn sowohl Großostheim als auch Klingenberg hatten sich wieder um den Gerichtssitz beworben.
1861 kam es zur Trennung von Verwaltung und Justiz. 1862 wurden auch die Aufgaben der Notariate abgetrennt. Es kam zu dem erforderlichen
Neubau und 1863 wurde das vom Staat errichtete neue Landgerichtsgebäude in Dienst gestellt: der Sandsteinbau des ehemaligen Landratsamts, der heute das Finanzamt beherbergt. 1879 wurden im Zuge einer weiteren Reform
die Landgerichte in Amtsgerichte umbenannt.
Wiederum waren es die Grundbücher, die den Bau des heutigen Amtsgerichtsgebäudes in der Römerstraße 80 erforderlich machten. Waren bis 1900
nur die mit Hypotheken belasteten Grundstücke in den Hypothekenbüchern erfaßt, mußten nun alle ca. 125.000 Grundstücke des Gerichtsbezirks in Grundbüchern erfaßt werden. Der Neubau wurde schnell und
unbürokratisch gegenüber dem alten Amtsgerichtsgebäude erstellt. Dem damaligen Geschmack entsprechend wurde es als neubarocker Rotsandsteinbau errichtet.
1936 wurde der Anbau hinter dem Gerichtsgebäude angefügt, in dem heute das Grundbuchamt untergebracht ist. Dieser Anbau war wegen der
Übernahme des Grundbuchamts Klingenberg erforderlich geworden.
Im Zuge der Verwaltungsreform 1973 wurde der Sitz des Landratsamts nach Miltenberg vergeben. Obernburg erhielt als Ausgleich das Amtsgericht
für den Landkreis Miltenberg. War das Gericht im Jahre 1900 nur für ca. 13.000 Einwohner zuständig, so sind es heute ca. 130.000. Beim Neubau des Gebäudes vor 100 Jahren war im Obergeschoß noch Platz für die
Dienstwohnung des Amtsgerichtsdirektors. Heute ist der Platzbedarf so groß, daß neben der noch bestehenden Zweigstelle in Miltenberg Räume im Ämtergebäude in der Lindenstraße angemietet werden mussten.
Derzeit werden die ca. 1200 Grundbuchbände abgeschafft (im Jahre 1900 gab es 84 Hypothekenbände), denn die Daten werden elektronisch
gespeichert. Diese Umstellung erfordert erneut Umbauten, diesmal wegen der Aufnahme des Grundbuchamts Miltenberg. Das Grundbuchamt wird, bedingt durch die größere Zahl an Bildschirmarbeitsplätzen erweitert,
verbleibt aber in dem bisherigen Anbau.
Neue Räume werden im ehemaligen Polizeigebäude Römerstraße 89 angemietet. Nach der Sanierung des Gebäudes durch die jetzigen Eigentümer sind
dort Nachlaßgericht, Vormundschafts- und Familiengericht untergebracht. Die Nebenstelle in der Lindenstraße wurde aufgegeben.
Wulf Huke
Literatur: Hans Stockmann, Chronik des Amtsgerichts Obernburg
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