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Apfelblütenfest

Beim Heimatabend des diesjährigen Apfelblütenfestes (2003) veranstaltete der HVV ein Ratespiel “Rund ums Apfelblütenfest”. Wann fand das erste Obernburger Apfelblütenfest statt? Wer war der Begründer des Festes? Das wievielte Apfelblütenfest wird im Jahr 2003 gefeiert? Diese Fragen waren von den Besuchern zu beantworten. Es stellte sich heraus, dass viele der zahlreichen Teilnehmer doch etliche Mühe hatten, die richtige Lösung zu finden. Für mich war das ein Grund, weitere Recherchen anzustellen.

Dank sagen möchte ich Herrn Franz Maier für vorbereitende Arbeiten im Stadtarchiv sowie Herrn Karl-Heinz Neeb, aus dessen Feder viele Berichte über das Apfelblütenfest stammen.

Das erste Apfelblütenfest
Aus der rasanten Entwicklung des landwirtschaftlichen Erwerbsobstanbaues und seiner wirtschaftlichen Bedeutung wurde das traditionelle Obernburger Apfelblütenfest geboren. Im Jahr 1930 standen rund 40.000 Apfelbäume auf Obernburger Gemarkung, im gesamten Kreisgebiet waren es fast eine halbe Million.

Vater des Festgedankens war der weit über seine Heimatstadt bekannte Wein- und Getränkehändler Robert Semmler. Er war damals ein Obstkenner wie kaum ein zweiter. Semmler gab die Anregung bereits 1930, ein Jahr später wurde der Vorschlag in die Tat umgesetzt. Am Christi-Himmelfahrts-Tag, dem 14. Mai 1931 wurde zum ersten Mal in Obernburg ein Fest gefeiert, das später zum größten Frühlingsfest am bayerischen Untermain werden sollte. Der Versuch wurde zu einem vollen Erfolg.

Die Chronik berichtet über das Programm:
"Lieder des Männergesangvereins (Leitung Schulrat Zink) und Musikstücke der Stadtkapelle (Leitung Kapellmeister Walter, Klingenberg) künden morgens um 6 Uhr den Beginn des Festes an.

Nach dem Hauptgottesdienst bringt der Dampfer “Rheinlust” eine große Anzahl Gäste aus dem Untermaingebiet nach Obernburg. Die Stadtkapelle gibt vor dem Rathaus ein Standkonzert, in den Pausen führt die Turnerinnengruppe von Thomas Schollmayer Volkstänze und Reigen auf. Um 14.30 Uhr unternimmt der Obstbauverein (Bezirksamtmann Dr. Kilian) eine Führung durch die Obstfluren am Stadtberg. Die Kapelle Haun aus Elsenfeld spielt im OVGO-Pavillon und die Stadtkapelle gibt ein zweites Konzert. Der größte Teil des Festes wickelte sich jedoch in den Gaststätten ab; so wird von “Tanzbelustigungen” vor allem im “Hirschen” und im “Anker” berichtet. Einen eigentlichen Festplatz gab es noch nicht, lediglich am Main eine 'Reitschule'.”

Die Jahre bis zum Zweiten Weltkrieg
Im Jahre 1932 fand das Fest an beiden Pfingsttagen (15. und 16. Mai) statt. Wieder gehörten Gesangs- und Musikdarbietungen zum Hauptprogramm. In der Chronik kann man lesen: “Der Fremdenbesuch an beiden Tagen war sehr gut, was neben den an Gasthäusern hinterstellten Krafträdern, Autos und Fahrrädern sowie auch durch den starken Personenverkehr im hiesigen Bahnhof besonders bewiesen wird.”

Ein Jahr später, 1933, bekam das Blütenfest bereits eine politische Färbung. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei veranstaltete zusammen mit dem “Fest der Apfelblüte”- wie das Apfelblütenfest damals genannt wurde – den “Deutschen Tag”. Kein Wunder, dass man am 13. und 14. Mai im alten Römerstädtchen wenig vom herkömmlichen Apfelblütenfest spürte. Die “Hitler-Warte” an der Buchhölle wurde eingeweiht und die Adolf-Hitler-Straße (Lindenstraße) und die Horst-Wessel-Straße (heute Hubert-Nees-Straße) wurden getauft. Kundgebungen mit großangelegten Reden wurden gehalten. Marschmusik ertönte auf dem Turnplatz, wo 1000 SA-Leute verpflegt wurden.

Zwölf Monate später feierten die Obernburger wieder “ihr” Apfelblütenfest – zwar nur in kleinem Rahmen, aber dafür wurde es nicht zu politischen Demonstrationen missbraucht. Ein Vortrag über die Physiologie der Obstblüte, gehalten von Bezirksfachberater Seitzer im “Löwen-Saal” gehörte ebenso zum Programm wie ein humoristischer Abend mit dem Frankfurter Rundfunkhumoristen May Jaa, den der Wirt des Gasthauses “Ludwigskeller”, Felix Reis, verpflichtet hatte.

Über den Festverlauf 1936 wird berichtet, dass wieder zahlreiche Gäste nach Obernburg kamen. Das Passagierschiff “Walküre” brachte Gäste aus Aschaffenburg, der Männergesangverein “Concordia” Darmstadt traf in drei Omnibussen ein, die Musikkapelle Walter erfreute die vielen Zuhörer mit einem Standkonzert in den Mainanlagen.

Hauptanziehungspunkt war jedoch der erste Blütenfestzug, der sich durch die Straßen der Stadt bewegte. Märchengruppen waren zu sehen und auf einem Festwagen war die “Sonnenkönigin mit den putzigen kleinen Sonnenstrählchen” zu bewundern. Ausstattung und Durchführung des Zuges hatten die Schwestern der Mädchen- und der Handarbeitsschule bewerkstelligt.

Immer größer, ideenreicher und stattlicher wurde in den folgenden Jahren der Blütenfestzug, bis das Fest 1939 einen vorübergehenden Schlusspunkt brachte. Das größte und letzte Blütenfest vor dem Zweiten Weltkrieg wurde vom 13. bis 15. und vom 20. bis 21. Mai gefeiert.

Während in der Weltpresse von der drohenden Kriegsgefahr gesprochen wurde, brachte der “Obernburger Bote” am 13. Mai eine zehn Seiten umfassende Sonderausgabe aus Anlass des Apfelblütenfestes heraus. Darin heißt es: “Nicht irgendeine Stadt veranstaltet dieses Fest. Obernburg ist der Mittelpunkt des zweitgrößten Obstbaugebietes im ganzen Deutschen Reich. Darauf ist unser Kreis stolz und deshalb ist der Tag, der der Apfelblüte und dem Obstbauern gewidmet ist, eine Angelegenheit des ganzen Kreises!”

Eine riesige Festhalle stand auf dem Turnplatz an der Stadthalle. Ein großer Rummelplatz mit modernsten Attraktionen, eine Hähnchenbraterei, ein großes Apfelweinzelt der OVGO und die original Oberländlerkapelle “Christoffel” sorgten dafür, dass sich die Gäste wohlfühlten.

Das Obernburger Apfelblütenfestlied, das Gustel Konze verfasst hatte, brachte manchen Festbesucher in Schwung. Hauptereignis für die obstbautreibende Bevölkerung war die Kreisobstbautagung in der Stadthalle.

Bis zu zehnfach hintereinander stauten sich in den Straßen die Reihen der Menschen, die mit Interesse den Festzug erwarteten. Es beteiligten sich elf Festwagen, originell geschmückt und dekoriert. An der Spitze fuhr der Wagen der Stadt, der das Wahrzeichen Obernburgs, den Almosenturm, zeigte und von Stadtknechten in historischen Uniformen zu Pferd und zu Fuß begleitet wurde. Festwagen hatten auch die Obstbauvereine Kleinwallstadt, Röllbach, Schmachtenberg und Eschau gestellt.

Die Zeit nach dem Krieg
In den ersten Nachkriegsjahren standen Sorgen und Probleme im Vordergrund; eine echte Lebensfreude, ohne die ein Fest nicht existieren kann, kam nur langsam wieder auf. Erst 1949 entschloss man sich, das erste Apfelblütenfest nach dem Krieg abzuhalten.
Noch wurde es in kleinerem Rahmen gefeiert; doch bereits ein Jahr später zog am 7. Mai ein zwei Kilometer langer Festzug durch die girlanden- und fahnengeschmückten Straßen der alten Römerstadt. Nahezu 10.000 Menschen drängten sich auf dem Festplatz, als die 30 Festwagen mit ihren Fußgruppen die Stadthalle erreicht hatten.

 

 

 

 

Auch 1951 stand der Festzug im Mittelpunkt. Herausragend war der Wagen mit der Blütenkönigin Anni Elbert (verheiratete Becker) mit ihren Prinzessinnen (u. a. Dorle Schuck, Almut Bauer, Anneliese Schürger), hier vor dem "Gasthof zur Sonne".

 

 

 

 

 

Eines der größten Feste, die Obernburg jemals sah, war dann das Apfelblütenfest 1952, verbunden mit einer Gedenkfeier für Johannes Obernburger. Zum 400. Todesjahr seines berühmtesten Sohnes gedachte Obernburg in besonderer Form während des Apfelblütenfestes. Der Festzug war daher in zwei große Blöcke aufgeteilt: der historische Teil, dessen glänzender Mittelpunkt der Wagen mit Johannes Obernburger war, und die “Blütengruppe”. Die kleine Stadt konnte kaum die Menschen fassen. Auf 12.000 Köpfe schätzte man die Menge, die an den Straßenrändern stand.

 

 


Mit Beginn des Krieges war ans Festefeiern nicht mehr zu denken und so fiel auch das Apfelblütenfest für mehrere Jahre aus. Hier ein Bild vom letzten Festzug im Jahr 1939 in der Römerstraße.

Auf dem Bild ist die Apfelblütenkönigin von 1949, Maria Reis, mit ihrem Hofstaat zu sehen.

1956 - 25 Jahre nach dem ersten Apfelblütenfest - hatte sich der Festverlauf weitgehend geändert. Man hatte eine Apfelblütenkönigin gewählt, die am Festsonntag in einem Prunkwagen durch die Straßen der Stadt gefahren wurde. Sie wurde begleitet von einer 70 Mann starken Musikkapelle, die sich aus der Obernburger, Klingenberger und Wörther Blaskapelle zusammen setzte. Für die 15-jährige Brigitte Strobel, die schon ein Jahr zuvor Blütenkönigin war, hatte, wie überliefert ist, die Gärtnerei Schürger einen “wirklich königlichen Wagen” vorbereitet. Im Willkommensgruß des damaligen Bürgermeisters Willy Nees heißt es: “Die Kreisstadt Obernburg feiert am 5., 6., 7. und 10. Mai 1956 ihr traditionelles Apfelblüten- und Heimatfest. Auch in diesem Jahr haben sich Stadtverwaltung und Heimat- und Verkehrsverein bemüht, ihren Gästen ein interessantes und originelles Programm zu bieten (Anm. des Verf.: von 1949 bis 1960 wurde das jährliche Apfelblütenfest hauptsächlich vom HVV organisiert und gestaltet). Die vier Festtage werden angefüllt sein von erquickenden Darbietungen und voll gemütlicher Behaglichkeit.”

Im Sonderteil des “Obernburger Boten” wird berichtet: "Die Einzelhandelsgeschäfte der Feststadt Obernburg sind am Sonntag von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Obernburgs Geschäftswelt will den vielen Gästen einen Beweis seiner Leistungsfähigkeit antreten. Besonders die Hauptgeschäftsstraße der Kreisstadt, die Römerstraße, hat nach dem Krieg ihr Gesicht völlig verwandelt. Aus einstigen Bürger- oder Bauernhäusern sind Geschäftshäuser geworden. Insgesamt kam es seit Kriegsende zu einem Zuwachs von 25 Geschäften."

Über den Vergnügungspark ist zu lesen: "Der Vergnügungspark auf dem Festplatz neben der Stadthalle hat´s heuer in sich. Da fehlt nichts. Sogar ein Affentheater und eine Urwaldschau sollen die Festgäste zerstreuen. Mit von der Partie ist wieder der Auto-Skooter, ein Kinderkarussell, Schiffschaukeln und Schießbuden. Wer sich den Festplatz von oben ansehen will, kann Riesenrad fahren und wer Mut hat, sich auf die Steilwand begeben, die aufgestellt wird. Dazu gibt es noch diverse Stände, angefangen vom Verkaufsstand für Heringsbrötchen bis zum Atomeis."

 

Am Nachmittag des Blütenfestsonntags vollführte Heinz Bär waghalsige Kunstflüge über dem Festgelände. Die Loopings, Rollen und Rückenflüge des ehemaligen Kampffliegers mit seinem Focke-Wulf-Stieglitz- Doppeldecker werden vielen Obernburgern noch in guter Erinnerung sein.

Zu einem besonderen Ereignis wurde das Apfelblütenfest des Jahres 1963. Damals wurde der Stadterhebung vor 650 Jahren besonders gedacht. Die Organisatoren hatten sich etwas Besonderes einfallen lassen: die Aufführung des von Heimatdichter Gustel Konze verfassten Festspiels “Die Schweden in Obernburg”. Die vielen Akteure in ihren historischen Gewändern ließen eine längst vergangene Zeit lebendige Gegenwart werden. 21 Jahre später - zur 1900-Jahrfeier - wurde das Spiel in einer neuen Inszenierung von Friedrich Müller erneut aufgeführt.

Das “Ebbelwoizelt” von Wil- helm Reichert wurde für viele Jahre zu einem festen Bestandteil des Apfelblüten- festes.

In den folgenden Jahren räumte man unter Bürgermeister Valentin Ballmann dem Sport einen breiten Rahmen ein. Der Abend “Sport und Humor” wurde zu einem festen Begriff und brachte zahlreiche internationale Spitzensportler nach Obernburg. Kulturelle und sportliche Veranstaltungen gehörten zu den Höhepunkten des Festes.
So wurden z. B. 1972 der Boxkampfabend (TV 1860 Aschaffenburg gegen den 1.FC Nürnberg) und die Veranstaltung des Bayerischen Rundfunks “Wettstreit der Amateure” als “Highlights” herausgestellt. Auf einen Festzug verzichtete man schließlich ganz. Im Festzelt übernahmen Obernburger Vereine den Ausschank.

Das Apfelblütenfest zieht um
Viele Jahre wurde das Apfelblütenfest in der Festhalle an der Bergstraße und auf dem angrenzenden Platz gefeiert, 1979 erfolgte der “Umzug an den Main” (bereits zwei Jahre vorher fand hier bereits das Mümlingtalfest statt).

Bürgermeister Wendelin Imhof schrieb in seinem Grußwort: “Das 40. Apfelblütenfest wird wohl als einmaliges Ereignis in die lange Tradition dieses Festes eingehen. Dies liegt weniger an der Gestaltung des Festes, als an dem Festplatz in den Mainanlagen. Schon ein paar Tage später, nach Abschluss des Festes, werden dort Baumaschinen und viele Bauarbeiter mit dem Bau der Südbrücke beginnen. Es wird sich auch nicht wiederholen lassen, dass die Umgehungsstraße, die im Herbst dieses Jahres für den Verkehr freigegeben werden soll, als Parkstraße für die vielen Gäste zur Verfügung steht.”

Übrigens ist für 1979 ein Rekord anzumerken: 13 junge Damen hatten sich für die Wahl zur Apfelblütenkönigin beworben. Der Jury fiel die Entscheidung schwer, und so gab es in diesem Jahr neben der Königin auch noch vier Prinzessinnen.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten mischten sich zu den zustimmenden auch kritische Töne in der Bevölkerung. Kommentare wie “zu teuer”, “zu laut”, “nicht mehr gemütlich”, “nur noch für die Jugend”, “kein Fest für die Obernburger mehr”, “zu hohes Defizit” und andere waren immer häufiger zu hören. Körperverletzungen und Sachbeschädigungen im Umfeld des Festes nahmen zu.

Der tragische Tod eines jungen Mannes im Jahre 1996 brachte fast das “Aus” für das Apfelblütenfest. Seit einiger Zeit versuchen Bürgermeister, Stadtrat, Stadtverwaltung, Vereine und vor allem auch der Gewerbeverein verstärkt, negativen Begleiterscheinungen entgegenzusteuern und dem Apfelblütenfest ein neues Gesicht zu geben. Messezelt, Verkaufsstände, ein kleineres Festzelt und Änderungen im Programm sollen mit dazu beitragen. Seit zwei Jahren gibt es sogar wieder einen kleinen Festzug zur Festeröffnung.

Ich hoffe, dass den Verantwortlichen noch einiges mehr einfällt, damit die Obernburger Bevölkerung das Apfelblütenfest wieder als “ihr” Fest annimmt und sich alljährlich darauf freut. Wäre es nicht sehr schade, wenn es in absehbarer Zeit diese schöne Obernburger Tradition nicht mehr gäbe?

 Werner Trunk